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Priester

Im alten Ägypten predigte der Priester nicht und er wachte auch nicht über die öffentliche Moral, noch nicht einmal war er bestrebt, Gläubige um sich zu scharen. Er folgte den Interessen der Gottheit, der er diente und seinen eigenen.

Sem-Priester mit Tierfell und Räucherwerkzeug; im Grab des Roy.

Ein Priester im alten Ägypten war ein »Diener der Gottheit« (altägyptisch = hem-netjer) und sollte der Gottheit sowie ihrem Haus zur Verfügung stehen. Er musste den Tempel und die göttlichen Insignien von jedem Schmutz rein halten und er musste die im Dunkel des Allerheiligsten eingeschlossene Statue vor den Blicken der Unreinen schützen. Ebenso musste der Priester den Opferdienst verrichten und das Ritual des Götterkultes vollziehen. So konnte der Gott und sein Tempel ihrer Funktion nachkommen.

Abb. links: Sem-Priester mit Tierfell und Räucherwerkzeug. (Bildquelle: E. Kronlob)


Das Priestertum umfasste verschiedene Mitglieder, die man als Priester bezeichnen kann: da gab es die Totenpriester, die Priester für die Mumifizierung und solche, die bei Begräbnisfeiern auftraten. Das geweihte Personal (Priesterschaften) der Göttertempel bestand aus sogenannten "Propheten" (oder auch Gottesdiener – hemu netjer – genannt), welche die hohe Priesterschaft bildeten an deren Spitze der Hohepriester (oder auch "erste Prophet") stand; dann den Priestern der niedrigen Priesterschaft; den Stundenpriestern und dem weiblichen Personal.

Zu den Aufgaben des Hohepriesters, der nach dem Willen des Pharaos ausgewählt wurde, zählte die Durchführung der Kultfeiern im Namen des Königs und die Oberaufsicht über die Verwaltung der Tempelgüter. Seine Stellvertreter war der zweite Prophet, welcher von dem dritten und dem vierten und den einfachen Propheten unterstützt wurde.

Es gab den Sem-Priester (Abb. unten), der bei der Begräbnisfeier eine wichtige Rolle spielte: Sem-Priester ist die Bezeichnung des Priesters, der im Königsritual den Thronfolger spielte. Zu sehen bei Darstellungen des Mundöffnungsritual, wobei der Sem-Priester dem verstorbenen Pharao den "Mund öffnete", bzw. magisch dessen Sinne wiederbelebte. Der Sem-Priester trug als Abzeichen seit frühester Zeit ein Panther-Fell. Ursprünglich war der Sem-Priester der Königssohn selbst. Die von ihm durchzuführenden Handlungen wurden im Laufe der Geschichte zu einem Ritual und dadurch seine Person zu einer "Rolle", die von Priestern gespielt werden konnte.

Abb. oben: ein Sem-Priester mit Panther-Fell und Zeremonialstab. (KI-generiertes Bild)


Die niedrige Priesterschaft hatte verschiedene Aufgaben: Pflege der Kultinstrumente und der heiligen Gegenstände. Sie hielten den Tempel rein und schminkten und schmückten die Statue des Gottes. Bei Prozessionen trugen sie die Statue des Gottes oder seine heilige Barke. An der Spitze der niedrigen Priesterschaft standen der Vorsteher der wab-Priester und der große wab-Priester. Nicht alle Priesterschaften im alten Ägypten besaßen einen Hohepriester und wurden deshalb von einem großen wab geleitet.

Die wabu (Mehrzahl von wab-Priester) rezitierten Hymnen während kultischer Handlungen bei Zeremonien. Die "Stundenpriester" mußten die Stunden jeder Zeremonie durch Beobachtung der Sterne und des Sonnenlaufes bestimmen. Viele Priester nahmen nur während eines Monats ihre religiösen Pflichten wahr und lebten in der restlichen Zeit wie gewöhnliche Bürger.

Das weibliche Tempelpersonal unterstand bis in die Spätzeit, der Königin. In der Spätzeit ersetzte die "Gottesgemahlin des Amun" als stärkstes politisches Amt, die Königin in ihrer Funktion und regierte über die gesamte thebanische Priesterschaft. Die uabut, zum Tempel gehörige Frauen, formierten eine eigene weibliche Priesterschaft. "Prophetinnen", besonders der Hathor und der Neith, sind seit alters her überliefert. Am zahlreichsten sind zu allen Zeiten Sängerinnen und Musikantinnen im Tempeldienst, und Frauen, die dem Harim eines Gottes angehörten.

Abb. links: Ausschnitt aus einem Totenpapyri. In der Jenseitsliteratur vielfach illustriert und beschriftet, geht es oft religiöse Themen und Jenseits-Vorstellungen. Auch hier spielen die Priester eine wichtige Rolle. Sie rezitieren, helfen dem Verstorbenen durch Anbetungen an die Götter oder sind anderweitig beschäftigt. Hier steht ein Priester vor einem Grab, und liest Rezitationen vor.


Während sakraler Handlungen trugen die Priester auch Tiermasken, wenn sie einen bestimmten Gott darstellten, denn jeder Gott besaß nicht nur menschliche Eigenschaften, sondern auch die jeweiligen Merkmale eines Vogels oder sonstigen Tieres.

Bevor der Priester mit dem Gott, bzw. der Statue des Gottes, in Berührung kam hatte er sich sorfältig zu reinigen. Nur ein kleine Elite-Einheit durfte das Allerheiligste eines Tempels betreten. Um als "rein" im religiösen Sinne gelten zu können, mußte der Priester alle Haare an seinem ganzen Körper abrasiert haben. Auch bestimmte Waschungen waren ein wichtiger Bestandteil der rituellen Reinigung.

Abb. rechts: Anubis-Maske.
Ägyptisches Museum, Hildesheim.
Foto: Anja Semling


Die Hieroglyphen für den sogenannten wab-Priester versinnbildlichen diese Vorstellung der Reinheit: Die Hieroglyphe zeigt zuerst wie »Wasser der Reinigung« aus einem Gefäß gegossen wird, was "rein" bedeutet und dahinter kniet ein Mann.

Die "Astrologen-Priester" beobachteten nicht etwa den Lauf der Sterne und Planeten, um daraus das irdische Geschehen vorherzusagen, wie dies gewöhnlich unsere heutigen Astrologen tun; die ägyptischen Astrologen-Priester waren vielmehr die Hüter eines mythologischen Kalenders, in dem Verhaltensmaßregeln für jeden einzelnen Tag des Jahres niedergelegt waren. Denn einem jeden Tag war ein Ereignis zugeordnet, von dem es abhing, ob er sich günstig oder ungünstig anließ. Die entsprechenden Ratschläge sagten einem, was man an dem betreffenden Tag am besten tat bzw. nicht tat.

Rituale die altägyptische Priester täglich im Allerheiligsten des Tempels durchführten:

Das tägliche Ritual im Allerheiligsten war der absolute Höhepunkt des altägyptischen Tempellebens.

Offiziell war der Pharao der einzige Mensch, der den Göttern direkt gegenübertreten durfte. Da er aber nicht überall gleichzeitig sein konnte, delegierte er diese Aufgabe an die Hohepriester. Dieses Ritual war keine spirituelle Predigt, sondern eine extrem präzise, fast bürokratische Abfolge von Handlungen. Man behandelte die Götterstatue wie einen lebenden, herrschenden König, der morgens geweckt, gepflegt und bewirtet werden musste.

Das morgendliche Hauptritual (Schritt für Schritt)

Jeden Morgen, exakt bei Sonnenaufgang, vollzogen die Priester das Tägliche Kultbildritual. Jede Bewegung und jedes gesprochene Wort waren genauestens vorgeschrieben. Fehler, so glaubte man, könnten den Zorn der Götter nach sich ziehen und das Land ins Chaos stürzen.

1. Reinigung des Priesters: Vor Sonnenaufgang.

Der Hohepriester musste absolut rein sein. Er wusch sich im heiligen See des Tempels, rasierte seinen gesamten Körper, spülte seinen Mund mit Natronwasser aus und zog reine, weiße Leinenkleidung sowie Sandalen aus Papyrus an (Leder war tabu).

2. Annäherung und Brechen des Siegels: Bei Sonnenaufgang.

Der Priester betrat das stockfinstere Allerheiligste mit einer Fackel. Er ging auf den Naos (den steinernen Schrein, in dem die Statue stand zu. Er brach das Ton-Siegel der Vornacht, zog den hölzernen Bolzen zurück und öffnete die Flügeltüren des Schreins. – Abbildung unten:

Abb. oben: Sem-Priester, der vor dem Naos im Allerheiligsten weihräuchert und das Göttermal serviert. Im Schrein steht die Götterstatue, die lebendig war, nach dem Glauben der alten Ägypter. (KI-generiertes Bild)


3. Die Begrüßung des Gottes: Das Erwachen.

Sobald das Licht der Fackel (oder die ersten Sonnenstrahlen) auf die Statue traf, war der Gott symbolisch in ihr erwacht. Der Priester warf sich zu Boden, küsste die Erde und sang Hymnen, um das Ba (die Seele) des Gottes in der Statue willkommen zu heißen.

4. Toilette und Einkleidung: Die Pflege.

Die Statue wurde aus dem Schrein genommen. Der Priester reinigte sie mit Wasser und Weihrauch, entfernte die Kleidung des Vortags und salbte sie mit kostbaren Ölen. Anschließend wurde die Statue in frische, farbige Leinenbänder (weiß, blau, grün, rot) gehüllt und mit Schmuck, Kronen und Zeptern geschmückt.

5. Das Göttermahl: Die Opferung.

Nun wurde dem Gott das Frühstück serviert: Ein großes Aufgebot an Fleisch, Geflügel, Brot, Gemüse, Obst, Bier und Wein. Der Gott aß natürlich nicht physisch – er nahm durch das Ritual die spirituelle Essenz (Ka) der Speisen auf.

6. Der Rückzug und das Verwischen der Spuren: Das Ende des Rituals.

Die Statue wurde zurück in den Schrein gestellt und die Türen wurden verschlossen und neu versiegelt. Während der Priester rückwärts aus dem Raum ging, verwischte er seine Fußspuren im Sand auf dem Boden mit einem Besen, damit keine menschliche Unreinheit im Heiligtum zurückblieb.

Was passierte danach mit dem Essen?

Die Ägypter waren extrem pragmatisch. Nachdem der Gott die spirituelle Essenz der Speisen aufgenommen hatte, wurden die Nahrungsmittel beim sogenannten „Umlauf der Opfergaben“ (Wedjeb-Chaut) wieder aus dem Allerheiligsten herausgetragen.

Die physischen Reste wurden als Gehalt an die Priester, Tempelwächter und Handwerker verteilt. Man aß also quasi die „gesegneten“ Reste des göttlichen Mahls.

Mittags- und Abendrituale

Die Rituale am Mittag und Abend waren deutlich kürzer. Mittags wurde oft nur frischer Weihrauch verbrannt und Wasser gesprengt, um die Reinheit des Raumes zu wahren. Am Abend gab es eine weitere, kleinere Opferung von Speisen, bevor der Gott mit einem letzten Gebet zur Ruhe gebettet und der Schrein für die Nacht verriegelt wurde.

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